HERBERT STERZ: SCHIFFFAHRT UNTERM SEGEL

Herbert Sterz, Havelschifffahrt unterm Segel/vom Fellboot zum Plauermaßkahn.
Verlag MEDIA@VICE, 2005 ICBN 3-00-016065-5 14,90 Euro
Mit Anhang, Anmerkungen und Register 145 S., reich illustriert

Flüsse werden zu Recht Lebensadern genannt. Sie dienten frühen Siedlern und Händlern als erste Transportwege und hielten mit ihrem Fischreichtum sichere Nahrung bereit. Seitdem ist das Leben von Flüssen und Menschen miteinander verbunden. Verständlich daher das Bedürfnis, deren jeweilige gemeinsame Geschichte zu erkunden. Für Elbe, Saale, Unstrut u.a. ist das längst geschehen, und auch die Havel war nicht selten im Blick, umfänglicher jedoch nur der brandenburgische Teil. Eine möglichst chronologische Darstellung des unteren Havelbereiches von Pritzerbe an abwärts, dorthin, wo einst Elbe und Havel zusammentrafen und die Havel in zahlreichen Nebenflüssen mäandernd zur Mündung strebt, fehlte jedoch noch.
Mit "Havelschifffahrt unterm Segel" wurde auch diese Lücke weitgehend (bis ins 19. Jh. hinein) geschlossen. Was ist auf den 145 Seiten alles zu erfahren?
Nahe liegend z. B. die Entwicklung der Transportmittel, die deutlich mit der Durchdringung anderer Kulturen zu tun haben.
Abgesehen von ersten Fellbooten, Einbäumen und Flößen weisen Boots- und Schiffsnamen wie Galeere, Friesenschiff, Ewer, Hok oder Hulk und Plawak auf Einflüsse der Römer, Friesen und Wikinger sowie der Slawen hin, assoziieren Prahm und Kogge die Zeit der Hanse, verdeutlichen Schiff, Schute, Kahn die etwa ab 12 Jh. zu verzeichnende Anwesenheit der Westfalen und Flamen. In dieser Zeit erhielt auch die Elbe erst ihren heute bekannten Verlauf.
Später kommen englische und holländische Einflüsse und auch eigene Entwicklungen hinzu.
Zentraler Ort der Betrachtungen und Geschehnisse des vorgestellten Flussbereiches ist natürlich Havelberg, wo ab 1274 ein Hafen entstand und ab dem 14. Jh. der Schiffbau hinzukam, ein Ort, von dem sich wechselnde Privilegien und Beschränkungen zwischen Fischern und Schiffern, Händlern und Kaufleuten nachweisen lassen, der fast 500 Jahre lang (bis zur Eröffnung des Plauer Kanals 1745) u.a. von sämtlichen für Berlin bestimmten sächsischen Steintransporten, wie insgesamt vom Handel zwischen Berlin und Hamburg sowie zwischen Halle und Magdeburg mit Hamburg - und damit auch dem Fernhandel - profitierte.
Schiffe und Schiffbau sind also Thema, Gefahren und Beschwerlichkeiten für Schiffer und Händler, Flussregulierungen, Schleusen- und Kanalbau, die Entwicklung des Handels und zeitweilige wirtschaftliche Bedeutung verschiedener Handelsgüter, die Zölle, Stapelrechte und Steuern, Konkurrenzkämpfe und herrschaftliche Edikte. Auch von der "Churbrandenburgischen Flotte" und der Arbeitsteilung im Schiffshandwerk wird erzählt, von der Pracht-Jacht Friedrich I. und dem Besitzwechsel zu Zar Peter I., von Schmugglern und Schleichwegen, von Berufsgilden und der ersten Kahnversicherungsgesellschaft.
Neben einer Vielzahl interessanter Fakten fasziniert die sich durch den gebotenen Zeitrafferblick herstellende Sicht auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsphasen eines komplexen Lebensbereiches, auf Aufschwünge und Niedergänge, die Wechselwirkung zwischen Handel und Handwerk, auf innovative und zerstörerische Wirkungen von Konkurrenz- und Machtansprüchen, wirtschaftliche Umbrüche und Umorientierungen, wechselnde Anerkennungen von Berufsständen, von Monopool und freiem Wettbewerb, von Krisen und kreativen Ideen…..
Zum Leben auf und an der unteren Havel liegt damit eine Kulturgeschichte vor, die von den Anfängen bis zur Ablösung der Segelschifffahrt vor durch das Dampfschiffzeitalter führt. Dabei hat sich Herbert Sterz nach jahrelanger Materialsammlung (auch für zwei beabsichtigte Folgebände) darum bemüht, den Zeitenstrom unabhängig von gut oder schlecht dokumentierten Phasen quantitativ möglichst gleich darzustellen. Die überschaubar gehaltenen Kapitel und Abschnitte sind mit zahlreichen Abbildungen angereichert, die dem Auge nicht nur Abwechslung bieten, sondern zumeist eine eigenständige, zusätzliche Informationsebene enthalten. Die liebevoll eingestreuten Zeichnungen und Skizzen, z.T. auch aus der Hand des Autors, fügen den knapp gehaltenen Texten mit vorwiegenden Sachcharakter zudem eine stimmungsvolle, emotionale Seite hinzu.

Roswitha Jandryschik LHB
Aus: SACHSEN-ANHALT/Journal für Natur- und Heimatfreunde 1/2006

Der zweite Band wird im Sommer 2006 erscheinen. Er behandelt die Dampfschifffahrt.