Streitbarer Zeitgenosse hinterlässt der Stadt Visionen zu Verschönerung

Text: Andrea Schröder (ans)
Archivfoto: Ingo Freihorst
Volksstimme, 30. Dezember 2017, Seite 19, Elb-Havel-Echo

Zum Tod der Leiterin der Plattdeutschen Singegruppe des Havelberger Heimatvereins
Herbert Stertz ist am 8. Dezember verstorben / Er war lehrer, Denkmalpfleger, Heimatforscher, Autor, Kunstliebhaber, Wasser-sportler und anderes mehr.

Herbert Stertz an seinem 90. Ge-burtstag in seinem Arbeitszimmer. Morgen wäre er 93 Jahre alt ge-worden. Archivfoto: Ingo Freihorst

Havelberg Der letzte Tag des Jahres war sein Geburtstag. Morgen wäre er 93 Jahre alt geworden. Doch der Havelberger Herbert Stertz ist am 8. Dezember verstorben. Nicht nur der Heimatverein, den er 1991 aus der Taufe hob und den er bis 1999 als Vorsitzender leitete, trauert um einen Menschen, der seiner Heimatstadt Havelberg viel gegeben hat.
Geboren wurde er am 31. Dezember 1924 in Hamburg. Sein Vater, der Strommeister Wilhelm Stertz, zog sieben Jahre später mit seiner Familie vom Elbestrom in die Domstadt an der Havel. „Seit jener Zeit ist Herbert Stertz ein richtiger Havelberger geworden. Der Krieg trieb ihn für einige Jahre noch einmal fort. Er, der ein Notabitur in der Tasche hatte, sollte als 19-Jähriger den Vormarsch der Roten Armee stoppen – ohne Erfolg, wie uns die Geschichte gelehrt hat“, schreibt der heutige Vorsitzende des Heimatvereins Frank Ermer im Nachruf.
Im Herbst 1945 stand der als vermisst geltende junge Mann im langen Russenmantel, mit kahlgeschorenem Kopf und in Holzpantinen nach einjähriger Gefangenschaft ausgezehrt wieder vor der elterlichen Wohnung. Am 1. Oktober 1945 trat er in der Einheitsschule Havelberg sein Neulehreramt an. Es folgten ein Fernstudium und 1958 ein einjähriges Studium an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt. Seine drei Kinder waren zu dieser Zeit bereits geboren. Nach seiner Lehrbefähigung für Deutsch legte er ein weiteres Diplom ab.

Viele  Ehrenämter

Gern hat Herbert Stertz seine Heimatstadt gezeichnet. Diese Ansicht von der Steintorbrücke und dem Dom ist im dritten Teil seiner Trilogie „Havelschiffahrt“ enthalten.

 

Neben der beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Fachberater bekleidete er viele Ehrenämter. So baute er bereits 1948 in Havelberg die Sektion Rudern wieder auf, drei Jahre später den Kanusport. Als der Wassersportverein im Jahr 2011 60 Jahre Kanu in Havelberg feierte, wurde er als derjenige gewürdigt, der diesen Sport in der Domstadt wieder zum Leben erweckt hatte.  Seine Schüler profitierten übrigens von seiner Liebe zum Wassersport. Gleich nach dem Krieg organisierte er eine besondere Ferienbetreuung – mit Camping auf einer Insel bei Jederitz und Ausgrabungen am slawischen Burgwall auf der Havelwiese.
Ein weiteres Hobby waren das Zeichnen und Malen. Als Fachberater lud er in den Sommerferien Kollegen auch aus umliegenden Kreisen zu einwöchigen Kursen mit dem Havelberger Maler Kurt Henschel ein, beide waren sehr gute Freunde.
Neben der ehrenamtlichen Arbeit für Museum, Heimatgeschichte, Denkmalpflege und redaktionelle Tätigkeit nahm er sich aber auch die Zeit, ein farbenfrohes Aquarell oder eine schnelle Federzeichnung – meist mit Motiven der heimatlichen Landschaft – aufs Papier zu bringen. „Früher, in der DDR, nannte man dies Kulturarbeit. Zu dieser Zeit organisierte er Zeichenwettbewerbe und Ausstellungen. Dies hatte auch zur Folge, dass er 1961 ehrenamtlicher Vorsitzender der Ortsgruppe des Kulturbundes wurde. Die traditionellen Havelberger Domhofkonzerte mit den Leipziger Gewandhaus-Musikern wurden durch ihn im Jahre 1970 mit ins Leben gerufen. Zwölf Jahre lang betreute er als Redakteur das Heimatheft ‚Zwischen Havel und Elbe‘ und davor arbeitete er bereits am Heimatheft ‚Das Elb-Havel-Land‘ mit“, erinnert Frank Ermer und berichtet: „Herbert Stertz ging den Spuren des Romantikers Eduard Mörike in unserer Heimat nach und denen des französischen Lyrikers André Frénaud. Er schrieb über Schifffahrt und Schiffbau und publizierte bereits 1966 eine interessante Arbeit über ‚Havelkahn und Havelfischer.‘“
Über 40 Jahre arbeitete er als Lehrer und seine ehemaligen Schüler nennen ihn noch heute liebevoll „Papa Stertz“. Er versuchte, ihnen alles Schöne nahezubringen: Kunst und Literatur, Musik und Architektur und vor allem die Liebe zur Heimat.

Lebenswerk gekrönt

1991 war er Mitbegründer des Havelberger Heimatvereins mit der Plattdeutschgruppe, in dessen Auftrag er nun als Rentner unterwegs war. Viel zu oft übrigens, wie seine Frau meinte. Er kümmerte sich weiterhin um Heimatgeschichte und Naturschutz, kämpfte für die Havelberger Spülinsel und den Tourismus, organisierte Heimattreffen, Seminare, Exkursionen und hatte sich der Denkmalpflege verschrieben. Später war er Ehrenvorsitzender. Auf einer Tagung des Altmärkischen Heimatbundes sagte er einmal: „Wir Prignitzer werden nie Altmärker werden.
An vielen redaktionellen Arbeiten und Publikationen hat Herbert Stertz einen erheblichen Anteil. Sein Lebenswerk krönte der Nachkomme einer Schifferfamilie – sein Großvater war Schiffseigner – mit seiner Trilogie zur „Havelschifffahrt“ unter Segel und unter Dampf, die zwischen 2005 und 2008 erschienen ist.
Für die Volksstimme hat Herbert Stertz ebenfalls etliche Beiträge geschrieben. Auch Nachrufe und Erinnerungen an Menschen, die sich wie er für ihre Heimatstadt eingesetzt und somit Geschichte geschrieben haben. Erinnert sei etwa an Waldtraut und Kurt Henschel, Frida Steffen, Gertrud Pohland, Edgar Steiner und Fred Haverland. Nun ist auch er tot. „Wir werden seinen fachlichen Rat und seine Kompetenz auf dem weiteren Weg zur Gestaltung unserer Heimatstadt sehr vermissen. Wir werden aber der Vision von Herbert Stertz zur Gestaltung einer schöneren Heimatstadt weiter folgen und uns für die Verwirklichung stark machen“, verspricht der Vorsitzende im Namen des Heimatvereins.

Schifferverein lädt zum Gespräch ein

Text:           Herbert Stertz
Archivfoto: Andrea Schröder
Volksstimme, 2. Februar 2006, Elb-Havel-Echo

Schifferverein lädt zum Gespräch ein

Die Havel soll auch künftig für größere Schiffe befahrbar bleiben Das fordern Havelberger im Zuge der Diskussion um die Pläne zur Havelrenaturierung. Archivfoto: Andrea Schröder

Die Havel soll auch künftig für größere Schiffe befahrbar bleiben Das fordern Havelberger im Zuge der Diskussion um die Pläne zur Havel -renaturierung. Archivfoto: Andrea Schröder

   Was bringt die Renaturierung der Havel unserer Stadt? Zu dieser Frage lädt der

Havelberger Schifferverein zu einem Gespräch ein, das am morgigen Freitag, dem 3. Februar, stattfindet. Und zwar ab 19 Uhr in der Gaststätte „Bella Vista“ am Dom.
Wenn man in den Unterlagen der Befürworter der Rückführung der Havelregion fast in den Urzustand blättert, ist man überrascht, mit welcher Akribie das Projekt bereits ausgearbeitet und zum Teil überzeugend dargestellt ist. Der Naturfreund wiegt bedächtig seinen Kopf und sagt sich: Sieh mal einer an, sie haben aber auch an alles gedacht: Sie versprechen uns ein Naturparadies mit magnetischer Wirkung für den Touristenstrom.
Wir leben jedoch in einem Staat mit demokratischer Verfassung, die es ermöglicht, für alle Entscheidungen auch Gegenargumente ins Spiel zu bringen, und bietet auch die .Möglichkeit, diese auf irgendeinem Wege durchzusetzen. Zu stellen wäre die Frage, ob sich die Veränderungen auch für die Bevölkerung auszahlen. Drum ist es an der Zeit, das Thema endlich einmal mit einem Forum zur Diskussion zu stellen. Ein erster Anlauf soll die Gesprächsrunde morgen Abend am Dom sein.
Dazu nur einige Gedanken: Ist es nicht ein Widerspruch, auf der einen Seite der Natur freien Lauf einzuräumen, andererseits aber Scharen von Touristen in die Schutzgebiete zu lotsen, von denen man nicht weiß, wie man es bewerkstelligen soll, sie zu überwachen.
Ist es nicht ein Widerspruch, einerseits für die Reinheit der Luft einzutreten, zum anderen aber das umweltfreundlichere Verkehrsmittel – die Schifffahrt – nach Möglichkeit auszuschalten?
Sind im Zuge der bisher erfolgten wasserwirtschaftlichen Maßnahmen nicht Biotope entstanden, die durch das Renaturierungsprojekt wieder zerstört werden könnten?
Und überhaupt: Wollen wir durch den Rückfall in mittelalterliche Verhältnisse wirklich die wirtschaftliche Entwicklung unserer arg gebeutelten Region voranbringen? Will man letztes tun, baut man neuerdings zuerst die Infrastruktur des Fördergebietes aus, und das beginnt mit dem Ausbau der Verkehrswege. Die Havel ist einer in der Endkonsequenz auch der umweltfreundlichste! Über all das sollte endlich mal gesprochen werden. Die Vertreter des aussterbenden Schifferstandes laden ein.