Knappe Tieden beim Zarenbesuch

Text und Bild von Andrea Schröder (ans)
Volksstimme, 20. November 2016, Seite 17, Elb-Havel-Echo

Im ArtHotel stehen legenden und Tatsachen aus dem November 1716 im Mittelpnkt.

Die „Zeitgeister“, hier Ralf Dülfer (links) und Lars Kripke, berichten auch über die Lebensart des russischen Zaren. Foto: Andrea Schröder

Die „Zeitgeister“, hier Ralf Dülfer (links) und Lars Kripke, berichten auch über die Lebensart des russischen Zaren. Foto: Andrea Schröder

Wie war es 1716, als der rus-sische Zar in Havelberg zu Gast war? Oder: Wie könnte es gewe-sen sein? Fragen, auf die es am Sonnabend Antworten im ArtHotel gab.

Havelberg Aufregung bei der Frau des Havelberger Bürgermeisters. Ihr Mann hat ihr gerade erklärt, dass der russische Zar sich für den nächsten Tag zum Essen angemeldet hat. Die Vorratskammer gibt nicht viel her. Was tun? Ein Fisch findet sich, ein paar Kräuter, und Wasser gibt es natürlich auch. Wie daraus die „Knappen Tieden“ entstanden sind, erfahren die vielen Besucher am Samstagabend im Saal des ArtHotels.
Der Heimatverein Havelberg hat in seiner Wintervortragsreihe zu diesem Thema eingeladen. Anlass ist das 300-jährige Jubiläum des Zarenbesuches im November 1716. „Legenden und Tatsachen“ lautet das Motto, unter dem Antje Reichel, Sabine Ball, Lars Kripke sowie Simone und Ralf Dülfer auf sehr unterhaltsame und humorvolle Weise das historische Ereignis näher beleuchten.

Sabine Ball spielt Teleprompter für die Publikumsmimen. Foto: Andrea Schröder

Sabine Ball spielt Teleprompter für die Publikumsmimen. Foto: Andrea Schröder

Antje Reichel übernimmt die Rolle der Vortragenden und berichtet zunächst, dass sich Historiker wie zum Beispiel Dr. Michael Schippan mit dieser Geschichte befasst haben und es auch immer noch tun. Zeitungsberichte aus jenen Tagen, Chroniken und anderes mehr dienen als Basis, das damals Geschehene zu überliefern.
Mit Bildern von historischen Personen, Landkarten und eben den Laiendarstellern als Zeitgeistern wird die Geschichte lebendig und die Besucher fühlen sich hineinversetzt in jene Zeit, als ein Riesentross von St. Petersburg aus über Königsbei:g, Danzig, Stettin, Kopenhagen, Rostock, Stralsund und Schwerin, um nur einige Stationen zu nen;nen, nach Havelberg kommt, um Alliierte im Krieg gegen Schweden zu finden. Vieles davon ist belegt. So gibt es etwa eine Beschreibung von Zar Peters Reise durch Johann Philipp Abelinus iin Theatrum Europaeum von 1738 oder die „Berliner geschriebene Zeitungen“, deren Texte für den Besuch des Königs Friedrich Wilhelm I. in Havelberg eine gute Quelle sind. Der Bericht vom 28. November wird im Wortlaut der damaligen, äußerst stelzigen Sprache vorgelesen.

In die Küche des Zaren wurden 743 Pfund Rindfleisch geliefert.

  Demnach ist der Zar am Montag, 23. November, in Havelberg angekommen, der König am Abend vorher, „welcher an eines Domherren Hofe das Quartier genommen, der Czaar aber in der Dechanei, und in der Propstei haben beide hohen Häupter nebst allerseits hohen Ministern die Conferentzien gehalten“. Anhand einer Karte vom Domgebiet und den Erklärungen können sich die Besucher gut vorstellen, wie die Hunderten von Gesandten dort in den fünf Tagen ihres Besuches wohnten. Belegt sind die Erkenntnisse über das Ablager, das dem Landesherr zustand: Für sich, seine Familie, seine Diener und sein Hofgesinde. Domkapitel und die Untertanen des Kapitels hatten für ausreichend Lebensmittel zu sorgen. Die Stadt Havelberg war davon nicht betroffen. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv entdeckten die, Museologinnen die Listen der „Viktualien“, berichtet Antje Reichel. So lieferten Dörfer wie Toppel, Nitzow, Netzow, Breddin, Stüdenitz und Jederitz für das Ablager. Die Bauern etwa sorgten für 3000 Pfund Hafer für die Pferde, 240 Hühner, 670 Eier, 120 Pfund Butter, 28 Pfund Hafergrütze und 56 Pfund Erbsen. Die Küche des Zaren bekam 743 Pfund Rindfleisch, 454 Pfund Hammelfleisch, 96 Pfund Kalbfleisch und vier Spanferkel. Der Domschlächter, Meister Christin Herrmann, hatte diese Viktualien aufgelistet und berechnete eine Summe von 70 Thaler, 19 Groschen und 11 Pfennige.
Dagegen soll es bei der Bürgermeisterfrau knapp mit den Lebensmitteln gewesen

Die Bürgermeisterfrau (Simone Dülfer) ist sauer. Ihr Mann kam mal wieder erst frühmorgens aus der Kneipe. Foto: Andrea Schröder

Die Bürgermeisterfrau (Simone Dülfer) ist sauer. Ihr Mann kam mal wieder erst frühmorgens aus der Kneipe. Foto: Andrea Schröder

sein und sie kochte aus Fisch eine Suppe. Vom Zaren befragt, wie das Gericht heißt, wollte sie sich mit den „knappen Tieden“ entschuldigen. Diese Geschichte, die sich am Samstagabend als roter Faden durch den Abend zieht und bei der auch das Publikum gefordert ist, gehört zu den Legenden um den Zarenbesuch. Ebenso wie die Seejungfer, die Peter der Große bei seinem angeblich halbjährigen Aufenthalt in der Havelberger Schiffbauerei geschnitzt haben soll (siehe Beitrag der Volksstimme vom 21.11.2016 S. 17 „Seejungfrau des Zaren grüßt vom Backhaus„).
Belegt sind. dagegen die Gastgeschenke, die beim Treffen der Monarchen im November 1716 in Havelberg ihre Besitzer wechselten: Bernsteinzimmer, Luxusyacht und besonders großgewachsene Soldaten, die Langen Kerls. Den fünf vortragenden ist ein sehr informativer und kurzweiliger Abend gelungen, der neugierig macht, weiteres zu erfahren. Im April nächsten Jahres wird Dr. Michael Schippan zum Vortrag in Havelberg erwartet. In der Volksstimme wird es weitere Berichte geben.

Legenden und Tatsachen zum Zarenbesuch

Text von Andrea Schröder (ans)
Volksstimme, 12. November 2016, Seite 15, Elb-Havel-Echo

Eind Grafik zur Seejungfrau von Armin Münch

Eind Grafik zur Seejungfrau von Armin Münch        Foto: Museum

In diesen Novembertagen jährt sich der Besuch des russischen Zaren Peter I. in Havelberg zum 300. Mal. In der Wintervortragsreihe des Heimatvereins Havelberg spielt dieses histori-sche Ereignis am kommenden Sonnabend, 19. November, eine Rolle. Denn dann geht es ab 18.30 Uhr im ArtHotel um „Legenden und Tatsachen um den Zarenbesuch 1716 in Havel-berg“. Es wird ein szenischer Vortrag mit Zitaten, Anekdoten und Sagen rund um das Treffen des Zaren mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm I.
Antje Reichel, Simone und Ralf Dülfer, Lars Kripke und Sabine Ball gehen den Fragen auf den Grund, weshalb Zar Peter der Große auf Reisen gegangen ist, was er in Havelberg machte und mit wem er sich hier traf und was man sich später darüber erzählte.
Zu sehen sind an diesem Abend auch die Grafiken von Armin Münch aus der aktuellen Kabinettausstellung des Prignitz-Museums -unter dem Titel „Die Havelberger Galionsfigur“. Als der Künstler 1977 Havelberg besuchte, hörte er von der Legende, dass Peter der Große hier gewesen sei, auf der hiesigen Seeschiffswerft gearbeitet und eine Seejungfer als Gali-onsfigur geschnitzt haben soll. 1996 schenkte er dem Museum zwei Grafikmappen – das Ergebnis seines Besuches. Die Zeichnungen zeigen seine ganz eigenwillige Sicht auf die geschichtlichen Ereignisse.
Der Eintritt kostet für Mitglieder des Heimatvereins drei Euro, für Nichtmitglieder fünf Euro. Nähere Informationen gibt es im Prignitz-Museum unter Telefon 039387/214 22.

Link zum Beitrag in der Volksstimme am 12. November 2016.