Up Platt: De Wiehnacht kümmt bald

Text und Bild von Wolfgang Masur
Volksstimme, Mittwoch, 5. Dezember 2018, Seite 19, Elb-Havel-Echo

Der Havelberger Heimatverein hatte zum diesjährigen Abschluss der plattdeutschen Nachmittage in den Paradiessaal am Dom eingeladen

Trotz der vielen Veranstaltungen, die am Wochenende in der Region stattfanden, war der vorweihnachtliche Plattnachmittag des Havelberger Heimatvereins gut besucht.

Die plattdeutsche Singegruppe des Heimatvereins, unter musikalischer Leitung von Eckard Glasow, umrahmt traditionell die plattdeutschen Beiträge. Sie hält musikalisch die Erinnerung an Magarete Bartels, dem Gretschen mit dem Treckfiedel. lebendig, die viele Melodien zu den Liedern geschrieben hatte. Fotos: Wolfgang Masur

Havelberg • Im weihnachtlich geschmückten Paradiessaal des Havelberger Dom begrüßte die plattdeutsche Singegruppe, unter der musikalischen Leitung von Eckard Glasow, mit dem „Good’n Oabend, schön Oabend, de Wiehnacht kümmt bald“ die Freunde der plattdeutschen Sprache aus Nah und Fern. Christina Blume begleitete die Singegruppe auf der Gitarre.
Mit den Worten: „An diesem ersten Adventswochenende sind viele Gäste gekommen, um sich gemütlich bei Kaffee und Kuchen sowie der Plattsnackerie un Singerie auf die Weihnachtszeit einzustimmen. Eine besondere Freude ist es, dass unsere Sangesfreundin Margitta Piontek nach langer Krankheit heute wieder mitsingt“, begrüßte die Leiterin der Plattsnacker, Heide Schumann, die Besucher. Sie sprach auch die Verbundenheit zu den Plattdeutschfreunden aus der Umgebung an und begrüßte Annemarie Ostermeier aus Kyritz, Manfred Nebelin aus Quitzöbel sowie Edith Läufer und Elke Joachim aus Klietz. Die Jugend war durch Antonia Lösch vertreten, die am heutigen Dienstag zum Landeswettbewerb nach Magdeburg fährt. Heide Schumann bedankte sich bei Küster Andreas Engel, der den Nachmittag im Paradiessaal vorbereitet hatte, und bei den zahlreichen Frauen, die den leckeren Kuchen gebacken hatten.
Mit einer dreiteiligen Geschichte, die schon über einhundert Jahre alt ist, bei dem sie in den kleinen Pausen von Eckard Glasow am Keyboard begleitet wurde, erfreute Heide Schumann die Anwesenden. Plattdeutsche Geschichten und Gedichte veranlassten die Zuhörer immer wieder zum Applaudieren und oft hallte auch ein lautes Lachen durch den Paradiessaal. Heide Schumann und Antonia Lösch füllten die kleinen musikalischen Pausen mit plattdeutschen Gedichten aus.

Antonia Lösch ist mit Feuer und Flamme beim Plattdeutsch dabei.

Zwischen den Beiträgen hatte Heide Schumann Gedichte auf Platt vorgelesen.

Elke Joachim ist bei den Plattnachmittagen immer mit vertreten.

Die Klietzerin Edith Läufer ist oft bei den Havelbergern mit ihren amüsanten Erzählungen zu Gast.

Er könnte stundenlang „up Platt“: Manfred Nebelin aus dem benachbarten Quizöbel.

Eine „Ikone“ der plattdeutschen Sprache ist Annemarie Ostermeier aus Kyritz.

Plasteauto hupt auf dem „Pott“

Der Quitzöbler Manfred Nebelin überzeugte mit kräftiger Stimme in seinem Beitrag über das Fürchten und einem Gedicht vom Weihnachtsmarkt. Edith Läufer hatte in ihrer Kurzgeschichte auf Platt festgestellt, das es im Leben oft rauf und runter geht. Sie erzählte aber auch noch eine private lustige Begebenheit vom Läuferhof. Weihnachtliche Lieder und auch den weißen Winterzauber brachten die Singegruppe zu Gehör. Beim „Süßer die Glocken nie klingen“ sangen alle Gäste mit und die Vorweihnachtszeit wurde durch das erste brennende Licht am Adventskranz im Paradiessaal unterstrichen. Annemarie Ostermeier war in ihrem tollen Beitrag nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt, sondern sie erzählte auch von einem Kind, das ein Plasteauto verschluckte und auf dem „Pott“ kündigte sich das Plasteauto mit „Hupen“ wieder an.
Nächster Platttreff im Frühjahr 2019
Den musikalischen Schlusspunkt bildeten die Worte: „Wi wünschen nu frohe Wiehnacht un ean Goodet nieget Joahr!“ Für alle Plattsnacker und der plattdeutschen Singegruppe gab es viel Applaus und der gemütliche, vorweihnachtliche Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende.
Der nächste Plattnachmittag findet dann im Frühjahr statt und wird, so wie immer, rechtzeitig angekündigt.

Heimatfreunde starten in Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde Spendenaktion

Text und Fotos: Ingo Freihorst
Volksstimme, Mo., 01. Oktober 2018, Seite 15, Elb-Havel-Echo

Heimatfreunde starten in Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde Spendenaktion

Wie weit die Renaturierung der Unteren Havel fortgeschritten ist, erlebten Mitglieder und Freunde des Havelberger Heimatvereins bei einem Schiffsausflug.

Schifffahrt von Havelberg ins Naturschtzreservat. Hier kurz vor der Brücke nach STRODEHNE.

Havelberg Das sonnige Herbst-wetter war wie geschaffen für diesen Ausflug des Havelberger Heimatvereins, welcher diesmal in die nähere Umgebung der Hanse- und Domstadt führte. Knapp 100 Mitglieder und Freunde hatten sich auf der MS „Elbkaiser“ der Tanger-münder Reederei von Roland Kaiser eingefunden. Das im Winter-hafen vor Anker liegende Schiff war in diesem Jahr übrigens etwas mehr beansprucht worden, da wegen des Niedrigwassers der Elbe in Tangermünde keine Ausflüge möglich waren.

Vereinsvorsitzender Frank Ermer ließ es sich nicht nehmen, neben den obligatorischen Informationen des Personals auch über die laufende Renaturierung der Unteren Havel zu informieren. Das etwa 19 000 Hektar umfassende Projektgebiet erstreckt sich von Pritzerbe bis Quitzöbel. Träger ist der Naturschutzbund Nabu. Das Projektbüro befindet sich in Rathenow.

Die Heimatfreunde auf dem „Elbkaiser“ sahen, dass etliche Sandstrände entstanden sind, wo in der DDR noch Steinpackungen die Ufer vor dem Wellengang der nach Westberlin fahrenden Tanker schützten. Doch ist seit der Wiedervereinigung der Schiffsverkehr rapide zurückgegangen, so dass die Havelwasserstraße herabgestuft wurde und nur noch dem Wassertourismus vorbehalten sein wird.

Eine der ersten Maßnahmen, welche fertiggestellt wurde, war die Petroleuminsel in Havelberg. Ein Altarmanschluss, wie er inzwischen auch in Vehlgast mit der Schaffung der Drosselinsel erfolgte. Hier war zu sehen, wie die jungen Bäume trotz der diesjährigen Dürre gut angewachsen sind. Teils waren aber auch Nachpflanzungen nötig gewesen.

Die Arbeiten an der Havel werden dieser Tage für dieses Jahr beendet, da Mitte Oktober der Winterstau beginnt. „Bis 10. Oktober sollen alle Baustellen beräumt sein“. Im Vorjahr waren sie wegen der vielen Niederschläge abgesoffen, deshalb wollte er dieses Jahr auf Nummer sicher gehen. In dieser Woche erfolgt die Abnahme der Arbeiten zwischen Strodehne und der Dossemündung bei Vehlgast. So wurden vor der Strodehner Havelbrücke das Deckwerk entfernt, eine Flutrinne angelegt und Verwallungen beseitigt, ein Nebengerinne geschaffen sowie das Flussbett eingeengt. Wie bei Vehlgast entstand hier eine Betonbrücke, damit die Landwirte auf ihre

Der Vorsitzende mit der Spendenbox, auf der Abbildungen aus der Stadtkirche St. Laurentius nach 1921 zu sehen sind.

Flächen kommen.

Frank Ermer nutzte die Gelegenheit auch, um eine neue Spendenaktion zu starten: In Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde sollen zwei Gedenktafeln, die einst in der Stadtkirche hingen, wieder hergestellt werden. Zuerst die kleinere mit den Namen der im Befreiungskrieg gegen Napoleon (1813 bis 1815) gefallenen Havelberger. Die größere Tafel erinnerte an die über 182 gefallenen Havelberger im Ersten Weltkrieg.
Weiterhin läuft die Spendenaktion für die Wegweiser, welche in Havelberg aufgestellt werden sollen. In diesem Monat ist zudem eine Stadtführung zu den Projekten des Heimatvereins geplant.

Spenden für neues Leitsystem

Text: Andrea Schröder
Foto & Entwurf: Frank Ermer
Volksstimme, Sa., 07. April 2018, Seite 15, Elb-Havel-Echo

Heimatverein will alte Buga-Stelen in Wegweiser umfunktionieren Der Heimatverein Havelberg möchte ein neues Wegeleitsystem für Einheimische und Besucher in der Stadt einrichten. Grundlage dafür sind die einstigen Buga-Stelen. Zur Finanzierung wird um Spenden gebeten.

Anhand eines Fotos von einer BUGA-Stele auf dem Domfriedhof hat Frank Ermer einen Entwurf gestaltet, wie die neuen Stelen ausehen sollen. Foto u. Entwurf Frank Ermer

Drei Jahre nach der Bundesgartenschau in der Havelregion sollen die Stelen des Buga-Wegeleitsystems eine neue Verwendung finden und als „Havelberger Wegweiser“ dienen. Der Heimatverein Havelberg hat sich dieser Aufgabe angenommen. „Nach der gelungenen Übernahme der Pflege des alten Domfriedhofes nach der Buga möchten wir einen weiteren Schritt zur Verschönerung unserer Heimatstadt gehen“, sagt der Vorsitzende Frank Ermer.
Waren die Wegweiser der Buga in leuchtendem Blau gehalten, sollen sie nun eine rotbraune Farbe erhalten – angelehnt an den romanischen Backsteinbau. Dieser war auch die Grundlage für die Informationssäulen zur Geschichte der Hansestadt, die zur Buga an neun markanten Punkten aufgestellt worden sind und mit Texten und Fotos Wissenswertes vermitteln. Damit wird eineinheitliches Bild erreicht.
Die Havelberger Wegweiser sollen mit Leitsystem-Piktogrammen ausgestattet werden und aufzeigen, wo es etwa zu historischen Bauten, öffentlichen Gebäuden, medizinischen Einrichtungen, aber auch zu Parkplätzen und sanitären Einrichtungen geht.
Zunächst ist es vorgesehen, zehn solcher Wegweiser zu gestalten und sie in der Stadt aufzustellen. Ein Gespräch hat es dazu bereits mit der Stadtverwaltung
gegeben. Eine Buga-Stele bleibt auf dem Domfriedhof stehen, alle anderen werden umfunktioniert. Zum Beispiel an der Schurre am Aufgang hoch zum Camps soll ein
Wegweiser aufgebaut werden, aber auch oberhalb nahe dem Altenheim. Weitere sind im einstigen Buga-Areal etwa am Prälatenweg und am Prignitz-Museum geplant. Ziel ist es, das Leitsystem später auch auf die Stadtinsel auszudehnen.
Das alles ist eine Kostenfrage. Es wurden Kostenvoranschläge eingeholt. Pro Stele sind 300 Euro erforderlich. Der Heimatverein hat einen Spenaenaufruf gestartet und bietet Unternehmen und Einrichtungen an, eine Patenschaft als Hauptsponsor für einen Wegweiser zu übernehmen. Möglich ist es, einen QR-Code aufzubringen und über sein Unternehmen zu informieren. Erste Spenden sind bereits eingegangen, dafür bedankt sich der Heimatverein. Ziel ist es, schon in diesem Sommer mit dem Aufstellen der ersten Wegweiser zu beginnen.

Das Spendenkonto ist bei der Kreissparkasse Stendal eingerichtet:
IBAN: DE 96 8105 0555 3080 0004 54
Kennwort: „Havelberger Wegweiser

Fachtagung zur Geschichte der Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs auf dem Territorium Sachsen-Anhalts

Text und Foto von Frank Ermer
Volksstimme, Mittwoch, 14. März 2018, Seite 18, Elb-Havel-Echo

Fachtagung zur Geschichte der Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs auf dem Territorium Sachsen-Anhalts

Frank Ermer vom Heimatverein Havelberg e.V. bei seinem Vortrag über das „Kriegs- und Internierungslager HAVELBERG und die Situation in der Stadt, in der Zeit des Ersten Weltkrieges“ Foto: Tobias Bachmann – LHBSA – Privatarchiv Frank Ermer

  Am 3. März 2018 fand in der Aula des Domgymnasiums Merseburg die Fachtagung zum Thema „Die Kriegsgefangenen-lager des Ersten Weltkriegs auf dem Territorium Sachsen-Anhalts“ statt. Das Grußwort zu Beginn der Veranstaltung sprach der Präsident der Landesheimat-bundes Sachsen-Anhalt e.V. Prof. Dr. Konrad Breitenborn. Der Tagungsort wurde mit Bedacht ausgewählt, da die Sonderaus-stellung „Heimat im Krieg 1914/18“ derzeitig im Kultur-historischen Museum Schloss Merseburg zu sehen ist. Im Laufe des Jahres, wird sie noch an weiteren Orten wie Zeitz und Tangermünde ausgestellt. Abschließend ist sie ab dem 01.12.2018 im Prignitz-Museum Havelberg zu sehen.
Über das Leben und Schicksal der Gefangenen, ist von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur wenig bekannt. Fundierte Erkenntnisse liegen auf dem Territorium von Sachsen-Anhalt bisher nur für das Kriegsgefangenenlager in Quedlinburg vor. Zahlreiche neue Hintergründe und Erkenntnisse boten auf der interdisziplinär angelegten Tagung einen breiten Überblick, über den derzeitigen Stand der Forschungsergebnisse für die einzelnen Kriegsgefangenenlager auf dem heutigen Territorium von Sachsen-Anhalt. Die Beiträge der Tagung und die weiterführende Forschungsarbeit und deren Ergebnisse werden in einem Buch publiziert. Die Leitung für dieses  Projekt hat der Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e.V. in Kooperation mit dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V., der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, dem Merseburger Altstadtverein e.V., den Dozenten Jan Stenzel – Kulturhistorisches Museum Merseburg, PD Dr. Thomas Wozniak – Eberhard Karls Universität Tübingen, Volker Demuth – Universitetet i Stavanger, Dr. Lutz Miehe – Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt, Frank Ermer – Heimatverein Havelberg e.V., Dr. Marie-Therese Mäder, Christian Drobe – Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Dr.  Zorica Puškar, Thomas Gallien Humboldt-Universität zu Berlin, Florian Thomas, John Palatini – Pflug e.V. Wittenberg, Simone Habendorf – Stadtarchiv Stendal,  Agnes-Almuth Griesbach – Museum der Stadt Zerbst/Anhalt und zahlreichen weiteren Institutionen und Vereinen die hier nicht weiter genannt sind.
Welche Hintergründe bildeten die Wiederaufnahme dieses Themas für eine Fachtagung. Während des Ersten Weltkriegs gerieten Zwischen 6,6 und 8 Millionen Soldaten in Gefangenschaft. Die Zahl der Gefangene, die sich 1918 noch auf den Gebiet des Deutschen Reiches befanden belief sich auf 2,4 Millionen, davon wurden über 180.000 auf dem heutigen Territorium Sachsen-Anhalts. Nach heutiger Kenntnis wissen wir, dass die Gefangenen sich aus 13 unterschiedliche Staaten rekrutierten. Zur Unterbringung mussten 1914 in größter Eile zwölf Lager eingerichtet werden, drei für Offiziere (Halle, Magdeburg und Burg) und neun für Mannschaften und Zivilisten (Kleinwittenberg, Merseburg, Altengrabow, Zerbst, Quedlinburg, Gardelegen, Stendal, Salzwedel und Havelberg). Allein im Merseburger Mannschaftslager wurden zwischen 1914 und 1919 über 40.000 Soldaten aus Russland, Frankreich und England gefangen gehalten. Die Situation des Havelberger Lagers änderte sich bereits im ersten Kriegsjahr, im November 1914, als das Generalkommando die Umwandlung des Kriegsgefangenenlagers in ein Internierungslager verfügte. Die Lager in Havelberg hatten eine Aufnahmekapazität von 10.000 Gefangenen. Gefangene aus 8 Nationen sind hier nachweisbar. Die größte Anzahl kam aus Russland, aber auch Engländer, Belgier, Franzosen, Italiener, Inder, Algerier und Marokkaner waren hier interniert.
Die Unterbringung und Versorgung hunderttausender Kriegsgefangener stelle das Deutsche Reich, aber auch die Kriegsgegner vor eine schier unlösbare Aufgabe, auf die sie nicht vorbereitet waren, da man auf einen Blitzkrieg hoffte.
Die hygienische Situation in den Lagern war vor allem zu Beginn des Krieges eine Herausforderung, die zu bewältigen gab. Auch das Havelberger Lager wurde von einer verheerenden Epidemie Flecktyphus heimgesucht, vielen Opfer waren hier zu beklagen.
In den Lagern entwickelte sich auch ein mitunter faszinierendes kulturelles Leben, welches auf der Tatsache beruht, dass so viele unterschiedliche Kulturen und Völkergruppen auf so engen Raum zusammenleben mussten. In vielen Museen des Landes sind heute anhand von Erinnerungen und Zeitzeugen, wie z.B. Zeichnungen, Gemälden, Grafiken, Fotografien und Bastelarbeiten aus Stroh zu besichtigen und bilden heute vielerorts die Grundlage für die nun wieder angestoßen Aufarbeitung des vor 100 Jahren geschehenen.
In unzählige Arbeitskommandos aufgeteilt, befanden sich Kriegsgefangene in nahezu jedem Winkel und jeder Ecke des Landes. Die Landwirtschaft war für die Gefangenen das größte Betätigungsfeld, aber auch in der Industrie wurden sie eingesetzt. So z.B. für den Aufbau der Leunawerke, des Reichsstickstoffwerkes bei Wittenberg und in der Tonindustrie im Havelländischen Raum. Die Kriegsgefangenen waren eine bedeutende und unverzichtbare Ressource, da die eigenen kämpfenden Männer, für das Kaiserreich an der Front standen. So bildete sich auch eine eigene Front im Heimatland, die sich mit dem stetig verschärfenden Mangel an Lebensmittel und Dingen des täglichen Bedarfs, der Erfahrung von Verlust und Trauer der Angehörigen und der zunehmenden Präsenz von Kriegsinvaliden auseinander setzen musste.
Einige Tausend von ihnen sind in Gefangenschaft verstorben, so allein in Merseburg ca. 800, in Wittenberg ca. 900 und in Havelberg ca. 740. Ihre Kameraden errichteten ihnen Gedenksteine auf den Grabfeldern, die heute immer noch an das Geschehen vor 100 Jahren erinnern.
Der Vortrag wird im Zuge der Wintervortragsreihe am 15.03.2018 | 18:30 Uhr im ArtHotel Kiebitzberg noch einmal gehalten.

 

Streitbarer Zeitgenosse hinterlässt der Stadt Visionen zu Verschönerung

Text: Andrea Schröder (ans)
Archivfoto: Ingo Freihorst
Volksstimme, 30. Dezember 2017, Seite 19, Elb-Havel-Echo

Zum Tod der Leiterin der Plattdeutschen Singegruppe des Havelberger Heimatvereins
Herbert Stertz ist am 8. Dezember verstorben / Er war Lehrer, Denkmalpfleger, Heimatforscher, Autor, Kunstliebhaber, Wasser-sportler und anderes mehr.

Herbert Stertz an seinem 90. Ge-burtstag in seinem Arbeitszimmer. Morgen wäre er 93 Jahre alt ge-worden. Archivfoto: Ingo Freihorst

Havelberg Der letzte Tag des Jahres war sein Geburtstag. Morgen wäre er 93 Jahre alt geworden. Doch der Havelberger Herbert Stertz ist am 8. Dezember verstorben. Nicht nur der Heimatverein, den er 1991 aus der Taufe hob und den er bis 1999 als Vorsitzender leitete, trauert um einen Menschen, der seiner Heimatstadt Havelberg viel gegeben hat.
Geboren wurde er am 31. Dezember 1924 in Hamburg. Sein Vater, der Strommeister Wilhelm Stertz, zog sieben Jahre später mit seiner Familie vom Elbestrom in die Domstadt an der Havel. „Seit jener Zeit ist Herbert Stertz ein richtiger Havelberger geworden. Der Krieg trieb ihn für einige Jahre noch einmal fort. Er, der ein Notabitur in der Tasche hatte, sollte als 19-Jähriger den Vormarsch der Roten Armee stoppen – ohne Erfolg, wie uns die Geschichte gelehrt hat“, schreibt der heutige Vorsitzende des Heimatvereins Frank Ermer im Nachruf.
Im Herbst 1945 stand der als vermisst geltende junge Mann im langen Russenmantel, mit kahlgeschorenem Kopf und in Holzpantinen nach einjähriger Gefangenschaft ausgezehrt wieder vor der elterlichen Wohnung. Am 1. Oktober 1945 trat er in der Einheitsschule Havelberg sein Neulehreramt an. Es folgten ein Fernstudium und 1958 ein einjähriges Studium an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt. Seine drei Kinder waren zu dieser Zeit bereits geboren. Nach seiner Lehrbefähigung für Deutsch legte er ein weiteres Diplom ab.

Viele  Ehrenämter

Gern hat Herbert Stertz seine Heimatstadt gezeichnet. Diese Ansicht von der Steintorbrücke und dem Dom ist im dritten Teil seiner Trilogie „Havelschiffahrt“ enthalten.

 

Neben der beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Fachberater bekleidete er viele Ehrenämter. So baute er bereits 1948 in Havelberg die Sektion Rudern wieder auf, drei Jahre später den Kanusport. Als der Wassersportverein im Jahr 2011 60 Jahre Kanu in Havelberg feierte, wurde er als derjenige gewürdigt, der diesen Sport in der Domstadt wieder zum Leben erweckt hatte.  Seine Schüler profitierten übrigens von seiner Liebe zum Wassersport. Gleich nach dem Krieg organisierte er eine besondere Ferienbetreuung – mit Camping auf einer Insel bei Jederitz und Ausgrabungen am slawischen Burgwall auf der Havelwiese.
Ein weiteres Hobby waren das Zeichnen und Malen. Als Fachberater lud er in den Sommerferien Kollegen auch aus umliegenden Kreisen zu einwöchigen Kursen mit dem Havelberger Maler Kurt Henschel ein, beide waren sehr gute Freunde.
Neben der ehrenamtlichen Arbeit für Museum, Heimatgeschichte, Denkmalpflege und redaktionelle Tätigkeit nahm er sich aber auch die Zeit, ein farbenfrohes Aquarell oder eine schnelle Federzeichnung – meist mit Motiven der heimatlichen Landschaft – aufs Papier zu bringen. „Früher, in der DDR, nannte man dies Kulturarbeit. Zu dieser Zeit organisierte er Zeichenwettbewerbe und Ausstellungen. Dies hatte auch zur Folge, dass er 1961 ehrenamtlicher Vorsitzender der Ortsgruppe des Kulturbundes wurde. Die traditionellen Havelberger Domhofkonzerte mit den Leipziger Gewandhaus-Musikern wurden durch ihn im Jahre 1970 mit ins Leben gerufen. Zwölf Jahre lang betreute er als Redakteur das Heimatheft ‚Zwischen Havel und Elbe‘ und davor arbeitete er bereits am Heimatheft ‚Das Elb-Havel-Land‘ mit“, erinnert Frank Ermer und berichtet: „Herbert Stertz ging den Spuren des Romantikers Eduard Mörike in unserer Heimat nach und denen des französischen Lyrikers André Frénaud. Er schrieb über Schifffahrt und Schiffbau und publizierte bereits 1966 eine interessante Arbeit über ‚Havelkahn und Havelfischer.‘“
Über 40 Jahre arbeitete er als Lehrer und seine ehemaligen Schüler nennen ihn noch heute liebevoll „Papa Stertz“. Er versuchte, ihnen alles Schöne nahezubringen: Kunst und Literatur, Musik und Architektur und vor allem die Liebe zur Heimat.

Lebenswerk gekrönt

1991 war er Mitbegründer des Havelberger Heimatvereins mit der Plattdeutschgruppe, in dessen Auftrag er nun als Rentner unterwegs war. Viel zu oft übrigens, wie seine Frau meinte. Er kümmerte sich weiterhin um Heimatgeschichte und Naturschutz, kämpfte für die Havelberger Spülinsel und den Tourismus, organisierte Heimattreffen, Seminare, Exkursionen und hatte sich der Denkmalpflege verschrieben. Später war er Ehrenvorsitzender. Auf einer Tagung des Altmärkischen Heimatbundes sagte er einmal: „Wir Prignitzer werden nie Altmärker werden.
An vielen redaktionellen Arbeiten und Publikationen hat Herbert Stertz einen erheblichen Anteil. Sein Lebenswerk krönte der Nachkomme einer Schifferfamilie – sein Großvater war Schiffseigner – mit seiner Trilogie zur „Havelschifffahrt“ unter Segel und unter Dampf, die zwischen 2005 und 2008 erschienen ist.
Für die Volksstimme hat Herbert Stertz ebenfalls etliche Beiträge geschrieben. Auch Nachrufe und Erinnerungen an Menschen, die sich wie er für ihre Heimatstadt eingesetzt und somit Geschichte geschrieben haben. Erinnert sei etwa an Waldtraut und Kurt Henschel, Frida Steffen, Gertrud Pohland, Edgar Steiner und Fred Haverland. Nun ist auch er tot. „Wir werden seinen fachlichen Rat und seine Kompetenz auf dem weiteren Weg zur Gestaltung unserer Heimatstadt sehr vermissen. Wir werden aber der Vision von Herbert Stertz zur Gestaltung einer schöneren Heimatstadt weiter folgen und uns für die Verwirklichung stark machen“, verspricht der Vorsitzende im Namen des Heimatvereins.