Ein Turm im Angesicht des Feindes

Text von pm/rh und
Bild von Frank Ermer
Generalanzeiger, 17Januar 2016, Seite 2,Lokales

Herbst-/Wintervortragreihe des Havelberger Heimatvereins fortgesetzt

Wolfram Bleis bei der Einweisung zum Vortrag - Ein Festungsturm im Angesicht des Feindes - 2

Wolfram Bleis bei der Einweisung zum Vortrag „Ein Festungsturm im Angesicht des Feindes“ im ArtHotel Kiebitzberg. Foto: Frank Ermer

Havelberg – Als Wolfram Bleis mit seinen Ausführungen begann, wusste noch niemand der Zuhörer, was auf sie zukommen sollte. Ein kurzweiliger und sehr informativer Abend über das Westwerk des Havelberger Domes St. Marien begann in einem sehr anspruchsvoll hergerichteten Raum des ArtHotel Kiebitzberg.
Ähnlich muss es wohl am 16. August 1170, übrigens ein Sonntag, dem Havelberger Bischof Walo (1155 – 1177/78) ergangen sein. Von diesem Tag an, konnten die Havelberger Bischöfe eine Kathedralkirche ihr eigen nennen. Der Erzbischof Wichmann von Seeburg, Bischof Walo und die Bischöfe Wilmar von Brandenburg, Evermond von Ratzeburg und Gero von Meißen, nahmen an diesem Tag die feierliche Domweihe vor. Die anwesenden Gäste, der gealterte Albrecht der Bär, dessen Sohn Otto I. und der Fürst Kasimir von Pommern, statteten das Bistum mit umfangreichen Besitzungen sowie unzähligen Rechten aus.
Um diesen Bau so würdevoll an diesem Tag einweihen zu können, hat man im Jahre 1150, vielleicht auch schon 1147, direkt nach dem Wendenkreuzzug, mit der Grundsteinlegung und dem Bau des Domes begonnen. Obwohl der Dom später gotisch überbaut wurde, sind heute noch die romanischen Grundstrukturen sehr gut zu erkennen. Wolfram Bleis leitete seinen Vortrag mit einem Briefauszug, von Amsel von Havelberg an Wibald von Corvey, ein. Amseln von Havelberg schrieb im Jahre 1151 an seinen Freund Abt Wibald von Corvey (1146-1158) einige Worte über die damalige Lage seiner Kirche in Havelberg, „…, wo er sein Haupt hinlegen soll; so werde ich doch mit meinen armen Brüdern in dem kleinen Bethlehem (Havelberg) angenehmer und glücklicher wohnen,… . Ich Armer des Herrn pauper (lat. “arm“) Christi – wie sich die Prämonstratenser selbst zu nennen pflegten – bleibe daher mit meinen armen Brüdern in meiner Krippe Havelberg, wo einige bauen an den Thürmen der Befestigung vor dem Angesichte des Feindes; andere Wache halten zur Vertheidigung gegen einen Ueberfall der Heiden; …“ Quelle: Codex diplomaticus Brandenburgensis, Herausgegeben von Adolph Friedrich Riedel, 1842. In dieser Textpassage beschreibt Amsel höchstpersönlich wie an einem Turm, das heutige Westwerk, in Havelberg gebaut wurde.
Im Zuge der Baumaßnahmen am Westwerk des Havelberger Domes kam es auf Grund unterschiedlicher Bedingungen zum Wechsel der Baumeister und so auch zur Anwendung von unterschiedlichen Fußmaßen in jener Zeit. Während der Bautätigkeit sind bekannter weise drei Fußmaße verwendet worden, das Hirsauer Fußmaß (29,54 cm), das Staufisches Fußmaß (30,50 cm) und das Havelberger Fußmaß (31,11 cm), wie es Wolfram Bleis bezeichnet. Der Einsatz der unterschiedlichen Masse ist heute noch an der Nord-West-Ecke des Westwerkes deutlich zu erkennen. Diese vielen Wechsel der Baumeister, sind auch darin begründet, das Amseln beim König einige Zeit in Ungnade gefallen war und so nicht immer die gewünschten Meister am Dom ihre Kunst vollenden konnten. Im Erdgeschoss des Westwerkes ist eine Raumaufteilung von drei Räumen zu erkennen, die sich aber ab dem 2. Obergeschoss verliert.
Im Erdgeschoss befanden sich im mittleren Raum 3 Türen. In den Räumen im nördlichen und südlichen Teil jeweils nur eine Tür in östlicher Richtung zum Kirchenschiff. Diese Tü- ren konnten mit sogenannten Schubriegeln, die heute noch erkennbar sind, nur von innen verschlossen werden. In den Räumlichkeiten fanden ca. 339 Personen Schutz. Die untere Etage diente als passiver Schutz für die am Dom arbeitenden Baumeister, Tagelöhner, aber auch für den Bischof und dessen Hofstaat. Den Abschluss der Räume im Erdgeschoß bildet eine eingewölbte Decke. Ab der 1. Obergeschoss wurde darauf aber bereits verzichtet.
So wie das Westwerk da steht, mit seinen ca. 130 cm dicken Mauern, kann man es auch gut als Bergfried bezeichnen. Der Bergfried war im Mittelalter das höchste Gebäude in einer Burg- oder Klosteranlagen und wurde bis ins 12. Jh. zumeist quadratisch oder rechteckig gebaut. Er diente als Zuflucht oder Lagerstätte. Der Eingang lag entweder sehr hoch, nur durch Leitern erreichbar oder konnte nur vom inneren der Anlage betreten werden. In den unteren Geschossen wurde als Baumaterial die sogenannte Grauwacke oder Gommern-Quarzite verwendete. Die in Blöcken geschlagen und in unterschiedlichen Größen (ca 30 x 60 cm) Verwendung fand. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass dieses Baumaterial für einen anderen Kirchenbau bestimmt war.
Es gibt noch eine Vielzahl von Fakten zu erwähnen, jedoch soll an dieser Stelle auf ein Buch von Wolfram Bleis hingewiesen sein, welches voraussichtlich im Spätherbst 2016 erscheint. Dort kann man alle wichtigen Details zum markantesten Bauwerk der Stadt nachlesen.
Der Heimatverein, möchte sich bei allen Referenten und Gästen, die am ersten Teil der Vortragreihe teilnahmen und sie gestalteten recht herzliche bedanken. Ein besonderer Dank, geht an das ArtHotel Kiebeitzberg, das den Heimatverein bei der Vortragsreihe hervorragend unterstützt hat.

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